Rubrik: Hilfe nach Suizid - Emotionale Achterbahn nach einem Suizid: Trauer, Wut, Erleichterung und Freude
- Mario Dieringer
- 27. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als die Welt stillstand. Als mein Körper wusste, dass etwas Endgültiges passiert war, lange bevor mein Kopf es begreifen konnte. Es war, als hätte jemand mir den Boden unter den Füßen weggezogen und mir dabei noch ins Gesicht gespuckt. Suizid. Das Wort allein fühlt sich an wie eine rostige Klinge, die sich langsam ins Fleisch bohrt.
Ich habe geweint. Geschrien. Getrunken. Ich habe mich gefragt, wie du es konntest. Wie du mich einfach zurücklassen konntest, mit diesem verdammten Chaos aus Schuld und Schmerz. Ich habe dich gehasst, weil du gegangen bist, und mich selbst noch mehr, weil ich es nicht verhindern konnte. Diese verdammte Wut – sie kam in Wellen, immer dann, wenn ich glaubte, die Trauer würde mich endgültig zerfressen.
Und dann war da die Erleichterung. Das Tabu, über das niemand spricht. Ja, verdammt, ich habe mich erleichtert gefühlt. Weil die Angst vor dem nächsten Anruf weg war. Weil ich nicht mehr jeden Atemzug von dir überwachen musste, nicht mehr raten musste, ob du diesen Tag überlebst oder nicht. Ich habe mich dafür gehasst, aber ich konnte nicht leugnen, dass sie da war – diese unverschämte, schamlose Erleichterung.
Monate später kam die Freude. Nicht wie ein lauter Knall, eher wie ein leises Flüstern. In einem Sonnenstrahl, der sich auf meinem Gesicht ausbreitete. In einem Moment der Stille, in dem ich spürte, dass ich atme. Immer noch. Trotz allem. Trotz dir.
Ich habe verstanden, dass Schmerz nicht nur zerstört – er erschafft auch. Er lässt dich Dinge spüren, von denen du nicht mal wusstest, dass sie existieren. Er reißt dich in Stücke, ja. Aber dann zwingt er dich dazu, aus den Trümmern etwas Neues zu bauen.
Manchmal frage ich mich, ob du mir zusehen kannst. Ob du siehst, dass ich noch da bin. Dass ich gelernt habe, deine Entscheidung nicht als das Ende meiner Geschichte zu sehen. Vielleicht würdest du es verstehen. Vielleicht auch nicht. Aber es ist egal.
Denn ich lebe.
Mit der Achterbahn der Emotionen nach einem Suizid umzugehen, ist ein Kampf, der oft keinen klaren Anfang und kein eindeutiges Ende hat. Es gibt Tage, an denen du dich stark fühlst, und andere, an denen du kaum atmest. Aber es gibt Wege, mit diesen Gefühlen umzugehen, ohne daran zu zerbrechen. Hier sind einige Impulse, die dir helfen können:
1. Erlaube dir, alles zu fühlen – ohne Zensur
Trauer ist nicht linear. Sie ist chaotisch, widersprüchlich, unlogisch. Mal wirst du weinen, mal wütend sein, mal erleichtert, dann wieder völlig am Boden. Das ist normal. Es gibt keine „richtige“ oder „falsche“ Art zu trauern. Erlaube dir, alles zu fühlen, was kommt, ohne dich dafür zu schämen. Gefühle sind keine Feinde – sie sind Wegweiser.
2. Sprich darüber – auch über die Tabus
Wut auf einen geliebten Menschen, der gegangen ist? Erleichterung, dass die Ungewissheit vorbei ist? Freude an kleinen Dingen, während der Schmerz noch in dir wühlt? Viele Suizid-Hinterbliebene haben Angst, diese Gefühle zu äußern, weil sie gesellschaftlich nicht „erlaubt“ sind. Doch das Unausgesprochene vergiftet von innen. Finde jemanden, mit dem du ehrlich sein kannst – einen Therapeuten, eine Selbsthilfegruppe, eine vertraute Person.
3. Setze klare Grenzen gegenüber Schuldgedanken
Die Schuldfrage ist nach einem Suizid oft der größte innere Krieg. „Hätte ich es verhindern können? Hätte ich mehr tun müssen?“ Doch Schuld ist ein Trugbild. Sie gibt dir die Illusion von Kontrolle über etwas, das nie in deiner Macht lag. Setze dir klare Grenzen: Wann immer du dich in Schuldgedanken verlierst, halte inne. Frage dich: „Bringt es die Person zurück? Hilft es mir zu heilen?“ Wenn nicht – dann lass es los.
4. Finde einen Weg, mit der Person weiterzuleben
Der Suizid beendet eine Existenz, aber nicht die Beziehung zu dieser Person. Sie ist nicht „weg“, sondern sie existiert anders – in deiner Erinnerung, in den Geschichten, in den Dingen, die du für sie tust. Vielleicht möchtest du einen Brief schreiben, einen Ort der Erinnerung schaffen oder dein eigenes Leben in ihrem Sinne gestalten.
5. Erkenne, dass Freude kein Verrat ist
Nach einem Suizid kann sich Glück wie ein Verrat anfühlen. Als ob du kein Recht hättest, zu lachen, während der andere nicht mehr da ist. Aber Freude bedeutet nicht, dass du die Person vergisst. Sie bedeutet, dass du ihr nicht erlaubst, dich mit in den Abgrund zu reißen. Du darfst weiterleben. Und du darfst glücklich sein.
6. Suche dir einen Sinn – egal, wie klein er ist
Sinn kann alles sein: Eine Tätigkeit, die dir guttut. Ein Projekt, das dich erfüllt. Eine Mission, die größer ist als dein Schmerz. Vielleicht möchtest du anderen helfen, vielleicht möchtest du einfach einen Fuß vor den anderen setzen. Aber ohne Sinn bleibt nur Leere. Finde etwas, das dich weitermachen lässt.
7. Gib dir Zeit – und verzeih dir selbst
Es gibt kein festes Datum, an dem der Schmerz endet. Aber es gibt einen Punkt, an dem er dich nicht mehr auffrisst. Verzeih dir selbst für alles, was du glaubst, falsch gemacht zu haben. Verzeih dir, dass du nicht allwissend, nicht allmächtig warst. Und vor allem: Verzeih dir, dass du lebst.
Du bist noch da. Und das allein ist schon ein verdammtes Wunder.
Wenn dich dieser Beitrag berührt hat oder du jemanden kennst, der mit den Emotionen nach einem Verlust kämpft, dann teile ihn, kommentiere und schreibe mir deine Gedanken oder speichere ihn für später. Manchmal kann genau diese eine Nachricht den Unterschied machen – für dich oder für jemanden, der sie dringend braucht. Lass uns gemeinsam ein Zeichen setzen: Niemand muss diese Last allein tragen. 💙 #DuBistNichtAllein
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