Rubrik: Hilfe nach Suizid - Die Phasen der Trauer nach einem Suizid akzeptieren und verstehen
- Mario Dieringer
- 6. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt keine Reihenfolge. Kein klares Schema, dem man folgt. Kein Handbuch, das einem sagt: „So funktioniert Trauer, bitte hier unterschreiben.“ Stattdessen gibt es nur dieses dumpfe Loch, das sich mit einem Aufprall öffnet. Man fällt. Man fällt weiter. Und irgendwann merkt man, dass der Boden fehlt.
Der Tod eines geliebten Menschen ist immer ein Schock. Aber wenn es Suizid ist, wenn jemand durch das letzte Symptom diverser mentaler Erkrankungen und Krisen aus dem Leben gerissen wird, wenn jemand die Welt verlässt, weil sie zu laut, zu schmerzhaft, zu erdrückend war – dann reißt das nicht nur ein Loch in die Zeit, sondern auch in alles, woran man geglaubt hat.
Man spricht von Phasen der Trauer. Als wäre es ein geordneter Prozess. Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz – ein Stufenmodell, das angeblich alles erklärt. Bullshit. So einfach ist es nicht. Trauer ist kein strukturierter Fahrplan, sondern eine individuelle und subjektiv chaotische Mischung aus Erinnerungen, Vorwürfen und der andauernden Frage: Warum?
Verleugnung – Der Körper spielt auf Zeit
Am Anfang wehrt sich alles in dir. Dein Verstand sagt, dass das nicht wahr sein kann. Dass du die Nachricht falsch verstanden hast. Dass es ein Irrtum ist. Vielleicht ein schlechter Scherz. Es muss doch einen Fehler geben.
Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment. Der Facebook Post. Die Stimme, die zitternd sagte: „Er ist tot.“ Ich habe nichts verstanden. Tot? Weg? Wohin? Weg ist doch nur eine Richtung, kein Zustand. Ich habe am Anfang noch gelacht, weil mein Kopf die Information nicht verarbeiten konnte, weil ich dachte "Der Arsch spielt wieder seine miesen Tricks aus". Und dann kam die Stille. Die Art von Stille, die nicht nur den Raum füllt, sondern sich unaufhaltsam in jede Zelle deines Körpers frisst.
Wut – Die Suche nach einem Schuldigen
Irgendwann kommt die Wut. Gegen dich selbst. Gegen die Welt. Gegen ihn.
Wie konntest du das tun? Wie konntest du mich hier zurücklassen? Hätte ich es verhindern können? Warum hast du nicht gewartet und mit mir geredet? Diese Fragen werden zum Echo, das dich begleitet, wenn du die Wohnung betrittst, in die er nicht mehr kommt. Wenn du sein Parfum in der Jacke riechst, aber weißt, dass es nur noch ein Schatten ist.
Die Wut ist unberechenbar. Sie trifft dich in der Nacht, wenn du endlich die Augen schließen willst. Sie schlägt zu, wenn du sie am wenigsten erwartest – in der Schlange im Supermarkt, wenn du eine Stimme hörst, die seiner ähnelt. Oder wenn du realisierst, dass die Welt einfach weitergeht, während deine zusammengebrochen ist.
Verhandeln – Hätte, hätte, hätte...
Das ist die Phase, in der du mit Geistern sprichst. Wenn-dann-Sätze werden zu deiner Religion.
Wenn ich ihn mehr geliebt hätte, dann wäre er geblieben. Wenn ich früher gemerkt hätte, wie schlecht es ihm geht, dann hätte ich helfen können. Wenn ich nur nicht weggefahren wäre. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich alles anders machen.
Du drehst die Szenen in deinem Kopf immer wieder zurück, suchst nach dem Moment, an dem du etwas falsch gemacht hast. Aber die Zeit ist ein mieser Verräter – sie hört nicht auf dich.
Depression – Der tiefe Sturz
Irgendwann realisierst du, dass es nichts mehr zu verhandeln gibt. Dass er nicht mehr zurückkommt. Dass es egal ist, wie sehr du schreist, weinst oder fluchst – die Tür bleibt geschlossen.
Hier beginnt das echte Sterben. Nicht für ihn – für dich. Du funktionierst nur noch, wenn überhaupt. Atmest mechanisch, während deine Gedanken dunkler werden. Vielleicht trinkst du zu viel. Vielleicht schläfst du kaum noch. Vielleicht denkst du zum ersten Mal daran, wie es wäre, einfach nicht mehr zu sein. Es gibt Nächte, in denen du aufwachst und seine Stimme hörst. Und dann gibt es Tage, an denen du nichts mehr fühlst. Gar nichts. Und das ist das Schlimmste: Nicht die Trauer, nicht der Schmerz – sondern diese Leere, die sich ausbreitet wie ein schwarzes Loch. Diese Phase ist der Grund, weshalb ich in meinen Texten und Videos das Thema Umgang mit Depressionen und Prävention voran stelle. Manche haben mich kritisiert, weil Sie sagen ich würde mich nicht mehr um die Menschen sorgen, die jemanden verloren hätten, sondern nur noch Prävention betreiben. Aber, es gibt fast niemand, den ich kennengelernt hätte, der oder die nach dem Suizid nicht selbst krank geworden ist oder sogar selbst suizidal wurde. Wie kann man sagen, dass Depressionen und Suizidprävention mit mir als Angehöriger nach Suizid nichts zu tun hat? Das mag vereinzelt stimmen aber für 90% ist dieser Teil knallharte, krankmachende und manchmal sogar tödliche Realität!
Akzeptanz – Ein neues Leben mit alten Wunden
Nein, es gibt kein Happy End. Kein „alles wird gut“. Was bleibt, ist ein Leben mit Narben. Aber irgendwann – und das ist das Verrückte – findest du dich wieder. Anders als vorher, ja. Zerbrechlicher vielleicht. Aber auch stärker in einer Art, die du nie gewollt hast.
Du beginnst, das Schweigen zu durchbrechen. Deinen eigenen Schmerz zu verstehen. Du begreifst, dass es nicht deine Schuld war. Dass er oder sie nicht gegangen ist, um dich zu bestrafen. Sondern weil dieser Mensch geglaubt hat, dass es der einzige Ausweg ist.
Es gibt keinen klaren Abschluss in der Trauer. Kein „jetzt ist es vorbei“. Es gibt nur einen Punkt, an dem du realisierst, dass du nicht mit deinem Liebsten oder deinem Kind gestorben bist. Und dass du weitergehen musst.
Ich stehe heute an diesem Punkt. Nicht ohne Rückschläge. Nicht ohne Narben. Aber mit der Erkenntnis, dass Liebe nicht mit dem Tod endet. Und dass Erinnerungen, so schmerzhaft sie auch sind, ein Beweis dafür sind, dass jemand gelebt hat.
Und das ist, was bleibt.
Wenn dich dieser Beitrag berührt hat oder du jemanden kennst, der mit der Trauer nach einem Verlust kämpft, dann teile ihn, kommentiere und schreibe mir deine Gedanken oder speichere ihn für später. Manchmal kann genau diese eine Nachricht den Unterschied machen – für dich oder für jemanden, der sie dringend braucht. Lass uns gemeinsam ein Zeichen setzen: Niemand muss diese Last allein tragen. 💙 #DuBistNichtAllein
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