Rubrik: Hilfe nach Suizid - Die besondere Herausforderung, einen Suizid zu verstehen.
- Mario Dieringer
- 20. März
- 3 Min. Lesezeit

Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte es verstanden. Dass ich eines Morgens aufgewacht bin, mir einen Kaffee gemacht habe und es plötzlich Sinn ergab. Dass die Gedanken, die sich um seinen Tod wie eine Schlinge legten, sich einfach auflösten. Aber das ist nicht passiert. Und das wird auch nicht passieren.
Es gibt Dinge, die lassen sich nicht verstehen. Nicht so, wie wir es gerne hätten. Wir sind darauf programmiert, Muster zu erkennen, Dinge in Schubladen zu stecken, uns mit einer „Erklärung“ ein Pflaster auf die klaffende Wunde zu kleben. Wir fragen nach dem Warum. Immer wieder. Warum er? Warum so? Warum überhaupt?
Ich erinnere mich an den Tag, als ich die Nachricht von seinem Tod erhielt. Wie sein Körper eine Grenze überschritten hatte, die ich nicht mehr zurückholen konnte. Die Kälte des Moments. Ich glaube, das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich aufhören musste, nach Antworten zu suchen, die es nicht gibt. Doch das war blanke Theorie, mein Intellekt. Mein Geist sucht jedoch bis heute Antworten, die es nicht gibt.
Die Falle der Logik
Suizid ist keine mathematische Gleichung, die sich einfach lösen lässt. Es gibt keine wenn-dann-Formel, keinen logischen Ablauf, der uns am Ende ein verständliches Ergebnis liefert. Wir neigen dazu, in Ursache und Wirkung zu denken: Wenn er geliebt wurde, warum hat er sich dann umgebracht?Wenn er doch noch Pläne hatte, warum hat er dann nicht gekämpft? Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich es verhindern können?
Bullshit.
Wir suchen Logik in einem Zustand, der jenseits von Logik existiert. Einem Moment, in dem das Gehirn im Flammenmeer der Verzweiflung steht, wo kein Sauerstoff mehr für Hoffnung bleibt. Es ist, als würdest du versuchen, das Meer in einem Glas zu fangen – du bekommst vielleicht ein paar Tropfen, aber das eigentliche Wesen entgleitet dir.
Die Unmöglichkeit der Wahrheit
Manche glauben, wenn sie nur genug Briefe lesen, letzte Worte analysieren oder psychologische Gutachten wälzen, dann würden sie die Wahrheit finden. Als würde sich ein Suizid irgendwann „aufklären“ wie ein Kriminalfall. Hatte ich auch geglaubt. Aber das wird nicht passieren.
Denn es gibt nicht die Wahrheit. Es gibt nur eine Ansammlung von Fragmenten, Momente, die ein Mosaik ergeben – und je nachdem, aus welcher Richtung du es ansiehst, sieht es jedes Mal anders aus.
Ich erinnere mich an eine Nachricht, die er mir ein paar Wochen vor seinem Tod geschrieben hat. Ein Satz darin ließ mich Jahre später noch aufschrecken: „Ich wünschte, ich könnte einfach aufhören zu existieren, ich will einfach nicht so alt werden.“
Damals habe ich es nicht verstanden. Heute verstehe ich, dass ich es nicht verstehen kann.
Akzeptanz – das hässliche Wort
Das Wort „Akzeptanz“ klingt so endgültig, so verräterisch. Als würde ich ihm mit einem Schulterzucken sagen: Na gut, dann bist du halt gegangen. Aber Akzeptanz ist nicht Gleichgültigkeit. Akzeptanz bedeutet, zu begreifen, dass ich keine Kontrolle habe. Dass ich ihn nicht retten konnte, weil ich nicht gegen ein Monster kämpfen konnte, das in seinem Kopf wohnte.
Ich kann trauern. Ich kann ihn lieben. Ich kann ihn vermissen. Aber ich kann es nicht verstehen. Und vielleicht ist das das Einzige, was ich wirklich begreifen muss.
Suizid ist keine Gleichung. Es ist ein Echo, das durch uns hallt, das immer leiser wird, aber nie ganz verstummt.
Und manchmal ist es okay, einfach nur dem Echo zuzuhören. Ohne Antworten zu erwarten.
Wenn dich dieser Beitrag berührt hat oder du jemanden kennst, der mit der Frage nach dem Warum nach einem Suizid kämpft, dann teile ihn, kommentiere und schreibe mir deine Gedanken oder speichere ihn für später. Manchmal kann genau diese eine Nachricht den Unterschied machen – für dich oder für jemanden, der sie dringend braucht. Lass uns gemeinsam ein Zeichen setzen: Niemand muss diese Last allein tragen. 💙 #DuBistNichtAllein
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