Rubrik: Hilfe nach Suizid / Wenn der Körper trauert: Schmerzen, die nicht nur im Kopf existieren
- Mario Dieringer
- 23. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Manche Menschen glauben, dass Trauer nur ein emotionaler Zustand ist. Etwas, das im Kopf passiert, ein Gefühl, das kommt und geht. Doch Trauer ist nicht nur ein Gedanke. Sie sitzt in den Knochen, in den Muskeln, in den Faszien. Sie verkriecht sich tief ins Gewebe, sammelt sich in verspannten Schultern, in verhärteten Kiefern, in einem Brustkorb, der sich nicht mehr richtig hebt.
Ich habe Menschen getroffen, die ihren Verlust nicht in Worten ausdrücken konnten, aber ihre Körper schrien. Sie hatten Rückenschmerzen, für die es keine medizinische Ursache gab. Kopfschmerzen, die keine Tablette linderte. Ein drückendes Gewicht auf der Brust, das sich anfühlte, als würde etwas sie jeden Tag ein bisschen mehr zusammendrücken. Und immer diese verdammte Erschöpfung, die kein Schlaf vertreiben konnte.
Das Körpergedächtnis: Wenn der Schmerz bleibt
Der Körper erinnert sich. Er speichert nicht nur Verletzungen, sondern auch Emotionen. Wenn ein Verlust kommt, zieht sich alles zusammen. Die Schultern sacken nach vorne, als ob sie die Welt auf sich tragen müssten. Der Kiefer presst sich fest zusammen, als ob er all das Ungesagte zurückhalten könnte. Der Atem wird flach, als ob das Leben nicht mehr vollständig in die Lungen darf.
Trauer setzt sich fest. Besonders dann, wenn sie nicht gelebt wird. Wenn jemand funktioniert, anstatt zu fühlen. Wenn er arbeitet, organisiert, weitermacht – und sein Körper in der Zwischenzeit die Last für ihn trägt.
Viele merken es erst spät. Erst, wenn sie aufwachen und sich fühlen, als hätten sie einen Kampf hinter sich. Erst, wenn die Nackenverspannung nicht mehr weggeht, egal wie oft sie sich dehnen. Erst, wenn der Rücken sich anfühlt, als ob er Stein geworden wäre. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem sie begreifen: Das ist nicht nur Stress. Das ist nicht nur Müdigkeit. Das ist Trauer.
Bewegung als Schlüssel zur Heilung
Es gibt Dinge, die helfen. Nicht, weil sie den Schmerz verschwinden lassen, sondern weil sie ihm eine Richtung geben. Der Körper muss sich bewegen, wenn er sich befreien will.
Manche brauchen Massagen. Nicht die sanfte, vorsichtige Berührung, sondern die, die tief geht. Die, die schmerzt, aber auf eine Art, die sich nach Lösung anfühlt. Die Hände eines Therapeuten, die genau dort hinfinden, wo sich Monate oder Jahre des Schweigens verknotet haben.
Andere müssen atmen. Richtig atmen. Tief in den Bauch, durch den Schmerz hindurch, durch die Enge, die sich im Brustkorb eingenistet hat. Atemarbeit ist kein esoterischer Unsinn – sie ist die direkte Kommunikation mit dem Nervensystem. Sie signalisiert dem Körper, dass es okay ist, loszulassen.
Und dann gibt es Bewegung. Manche brauchen Yoga, um sich langsam wieder mit ihrem Körper zu verbinden. Andere müssen rennen, schwimmen, kämpfen. Sie müssen die Trauer aus sich heraustreten, aus sich herausschlagen. Sie müssen fühlen, dass ihr Körper noch lebt, selbst wenn sich die Seele taub anfühlt.
Der Körper vergisst nicht – aber er kann heilen
Trauer ist kein Zustand, den man aussitzen kann. Sie findet Wege, sich bemerkbar zu machen. Entweder man gibt ihr Raum, oder sie nimmt sich welchen – oft auf die brutalste Art.
Ich habe Menschen gesehen, die erst wieder atmen konnten, als sie begannen, ihre Körper genauso ernst zu nehmen wie ihre Gefühle. Die, die erst nach einer Massage plötzlich weinen konnten. Die, die erst nach einer intensiven Bewegungseinheit merkten, dass ihr Rücken nicht mehr so schwer war. Die, die erst nach bewusster Atemarbeit verstanden, wie lange sie sich eigentlich selbst die Luft abgeschnürt hatten.
Der Körper vergisst nicht. Aber er kann heilen. Wenn man ihm die Chance dazu gibt.
Wenn dich dieser Beitrag berührt hat oder du jemanden kennst, der mit einem Verlust zu kämpfen hat, dann teile ihn, kommentiere und schreibe mir deine Gedanken oder speichere ihn für später. Manchmal kann genau diese eine Nachricht den Unterschied machen – für dich oder für jemanden, der sie dringend braucht. Lass uns gemeinsam ein Zeichen setzen: Niemand muss diese Last allein tragen. 💙 #DuBistNichtAllein #hilfefürsuizid
Ich finde meine Geschichte in allen von Mario D beschriebenen Symptomen der Trauer absolut wieder. In den vergangenen zwei Jahren hatte ich Viele Todesfälle unter Freunden und Familie, auch zwei Suizide darunter. Meine Nichten, mit 21 und 22 Jahren, ihr halbes Leben schwer krank.
Ich bin unendlich müde.
Versuche zum Rehasport zu gehen, aber meist hab ich keinen Antrieb oder bin dauernd erkältet wie jetzt. Habe an nichts Freude oder sie verfliegt in der nächsten Sekunde. So alt, wie ich mich fühle, kann man gar nicht werden.